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Zurückgeblickt Faschismus in Südtirol Ortsschilder, Wegweiser, Plakate: Wer Augen und Ohren offenhält, dem fallen in Südtirol immer wieder die verschiedenen Sprachen auf. Wäre der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen, würden heute allerdings nur noch wenige deutschsprachige Südti...

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Faschismus in Südtirol

Ortsschilder, Wegweiser, Plakate: Wer Augen und Ohren offenhält, dem fallen in Südtirol immer wieder die verschiedenen Sprachen auf. Wäre der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen, würden heute allerdings nur noch wenige deutschsprachige Südtiroler hier leben. Grund dafür war das totalitäre faschistische Regime in den Zwanziger-, Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren, welches alles Nicht-Italienische auszurotten versuchte: Wie auch andere Minderheiten wäre das ursprünglich deutschsprachige Südtirol dem Faschismus zum Opfer gefallen. Dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen heute ein friedliches und konstruktives Zusammenleben führen können, das die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen lässt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung miteinander und mit der eigenen Geschichte.

Ein harter Weg

Vor dem ersten Weltkrieg war Südtirol noch Teil von Österreich-Ungarn gewesen. Nachdem allerdings die Mittelmächte 1918 hatten kapitulieren müssen, wurde ein Teil der österreichischen Grenzgebiete an den ehemaligen Bündnispartner Italien abgetreten. Dazu gehörte auch der kleine deutschsprachige Landstreifen südlich des Brenners.

Die Angliederung an Italien erwies sich für Südtirol als schmerzvoller Prozess. Dass man im Land plötzlich Teil einer ethnischen Minderheit war, hemmte die Menschen in der kulturellen und auch sprachlichen Entfaltung. Es sollte aber noch schlimmer kommen: Anfang der Zwanzigerjahre marschierte ein kleiner Mann mit großen Plänen in Rom ein und wurde kurz darauf vom König als Ministerpräsident vereidigt. In den darauffolgenden Jahren errichtete Benito Mussolini mit Unterstützung seiner faschistischen Parteikollegen in Italien eine Diktatur des Schreckens. Die gesamte Halbinsel, besonders aber die Regionen, deren kulturelle Hintergründe nicht konform mit der Idee eines einheitlichen italienischen Staates waren, wurden vom faschistischen Regime hart getroffen.

Von Katakomben und Ortsschildern

Auch wenn die Besetzung Südtirols größtenteils friedlich verlief, verdunkelte sich in der Folge die italienische Stimmung gegenüber den deutschsprachigen Bürgern rasant. Unter dem Faschisten Ettore Tolomei wurden die Südtiroler innerhalb weniger Jahre aus der Verwaltung ihres Landes zurückgedrängt und die deutsche Sprache aus dem öffentlichen Leben verbannt. In aufwendiger Kleinarbeit wurden Orts- und Flurnamen, aber auch Personen- und Familiennamen durch eine italienische Entsprechung ersetzt. Die deutsche Schule wurde verboten. Wer sich dem widersetzte und in den sogenannten Katakombenschulen heimlich trotzdem auf Deutsch unterrichtete, musste mit hohen Strafen rechnen. Manche Aktivisten bezahlten für ihren Widerstand mit dem Leben. 

Da die Assimilation, also die Angleichung der Südtiroler an die italienische Kultur, trotzdem nicht erfolgreich war, siedelte die Regierung unter falschen Versprechungen zahlreiche italienische Arbeiter und Bildungspersonal in Südtirol an. Da ihre Zahlen aber dennoch gering erschienen, einigten sich Hitler und Mussolini auf einen schwerwiegenden Schritt.

Ein tiefer Schnitt

1939 wurden die Südtiroler in der sogenannten „Option“ vor die Wahl gestellt: Sie konnten entweder ihr Brauchtum zur Gänze aufgeben und die italienische Sprache und Kultur widerstandslos annehmen – oder durften ihre Tradition und Sprache wahren, mussten dafür allerdings ihren Besitz in Südtirol aufgeben und das Land verlassen. Zwischen den Optanten und den „Dableibern“ entbrannte ein heftiger Streit, die meisten Südtiroler entschieden sich für die Umsiedelung nach Deutschland, um dafür ihr kulturelles Erbe zu bewahren. 

Aufgrund der Kriegswirren und organisatorischen Missständen wurde nur ein Bruchteil der geplanten Auswanderungen in die Tat umgesetzt, die meisten dieser Optanten kehrten nach Kriegsende nach Südtirol zurück. Aber die bitteren Jahre unter dem Faschismus hatten ihre Spuren unter den Menschen hinterlassen.

Stumme zeugen

Nach der systematischen Unterdrückung durch den Faschismus war und blieb das Misstrauen gegenüber der italienischen Regierung in Südtirol lang groß. Aber auch nach der Errichtung der Autonomie bleibt die Erinnerung an die Zwanziger- und Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts wach. Davon zeugen vor allem in Bozen noch mehrere faschistische Bauten. Der monumentale Justizpalast, das Drusus-Stadion und das Schwimmbad etwa werden heute noch genutzt. Um die Aufarbeitung der Geschichte zu fördern, hat man sich gegen ihre Entfernung entschieden – auch offenkundige Zeugnisse wie das Relief am Finanzpalast, das den Duce zeigt, oder das Siegesdenkmal mit seiner faschistischen Symbolik können heute noch besucht werden. Hier hat man die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sichtbar gemacht: Über das Relief zieht sich ein leuchtender Schriftzug mit einem dreisprachigen Zitat Hannah Arendts – „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“ – und unter dem Siegesdenkmal wurde ein kleines Museum errichtet, das dem Faschismus in Südtirol gewidmet ist.

Wer sich auf die kritische Auseinandersetzung mit der Südtiroler Geschichte einlassen will, findet die Denkmäler des totalitären Regimes vor allem in Bozen. Aber auch im restlichen Land zeugen Bauten von der faschistischen Ära. Bauten zur Energiegewinnung wurden im Ultental oder in Barbian errichtet, Ossarien für die Gebeine von gefallenen Soldaten können beispielsweise in Gossensaß oder in Innichen besichtigt werden. 

Auch viele italienischen Ortsbezeichnungen sind Relikte aus dem Faschismus. Sie erfüllen heute aber nur noch rein toponomastische Zwecke. Als die Lösung für das Hadern mit der Vergangenheit hat sich Zusammenführung statt Trennung erwiesen: Wider den faschistischen Ideen leben in Südtirol heute Italienisch-, Deutsch- und Ladinischsprachige gleichberechtigt Seite an Seite.